Dieser Beitrag wurde von all4radio im Auftrag von MEDI Deutschland produziert und uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt. Über die aktuelle Lage der Arztpraxen sprach der Radiodienst all4radio mit dem Ärzteverbunds MEDI Deutschland.
ots.Audio: “Ohne Privatpatienten wären viele Arztpraxen pleite” – Ärzteverbund MEDI kritisiert erzwungene Zwei-Klassen
Mal ehrlich: Haben Sie sich auch schon geärgert, wenn Sie als Kassenpatient beim Arzt länger auf einen Termin warten mussten als Ihr privat versicherter Nachbar? Und das obwohl Ihnen die Krankenkasse jeden Monat ordentlich Geld vom Gehalt abzieht? Der Ärzteverbund MEDI Deutschland sagt jetzt: Vorzüge für Privatpatienten haben sich die Ärzte nicht selbst ausgedacht. Sie sind ganz einfach auf die Einnahmen aus der Privaten Krankenversicherung angewiesen, so der MEDI-Vorsitzende Dr. Werner Baumgärtner.
Dr. Werner Baumgärtner nahm dazu wie folgt Stellung: Alleine aus den Einnahmen der Kassenpatienten würden wahrscheinlich ein Großteil der Praxen in den nächsten Jahren pleite gehen. Die flächendeckende ärztliche Versorgung mit relativ kurzen Wegen und individueller Behandlung gibt es nur noch deshalb, weil die Ärzte ihre Praxen mit Hilfe der Privatpatienten über Wasser halten, sagt Dr. Baumgärtner. Denn: Im Augenblick ist es durchschnittlich in Deutschland so, dass circa 30 Prozent der Leistungen von Kassenpatienten gar nicht mehr bezahlt sind, sondern die erbringen die Ärzte ohne Honorar. Der Grund dafür: das Kassen-Honorar der Ärzte ist streng budgetiert. In jedem Quartal dürfen sie pro Patient nur einen bestimmten Durchschnittsbetrag für Behandlungen und Verschreibungen verbrauchen. Wenn das Budget alle ist, zahlen die Kassen nichts mehr – egal ob die Ärzte Leistungen erbringen oder nicht.
Anders bei den privat Versicherten, sagte der MEDI-Vorsitzende weiter: Man hat keine Budgets bei den Arzneimitteln, keine Budgets bei den Heilmitteln, also Massagen oder Physiotherapie. Man hat auch keine Budgets, was jetzt die eigene Behandlung angeht, also es gibt keine Obergrenzen. Und man hat einfach als Arzt mehr Spielräume. Das ist auch der Grund, warum zum Beispiel beim Facharzt Privatpatienten oft sofort einen Termin bekommen, während Kassenpatienten manchmal länger warten müssen, wenn das Budget im betreffenden Vierteljahr schon aufgebraucht ist. Weil gerade die Hochspezialisierten eben nur innerhalb ihrer Budgets eine bestimmte Menge von Leistungen erbringen können. Da kann er den Privatpatienten eigentlich schneller behandeln, weil er die Behandlung auch bezahlt bekommt. Und zwar ganz egal, wie viele andere Patienten in dem Quartal schon in der Praxis waren. Dass die Kassenpatienten sich darüber ärgern, verstehen die Ärzte, so der MEDI-Chef. Vor allem, weil gerade mal 15 Prozent der Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen in die Praxen der niedergelassenen Ärzte fließen.
Weiter ist Dr. Werner Baumgärtner der Meinung:
Also, ich habe eigentlich viel Verständnis bei den Kassenpatienten, weil die Leute zahlen ja selber viel Geld, die Arbeitgeber zahlen viel Geld. Und wir wollen, dass eben die Kassen wieder Geld für unsere Diagnostik ausgeben, damit wir den Patienten diese auch anbieten können, dass die Wartezeiten entfallen, und dass wir einfach größere Spielräume haben, um am Patienten tätig zu werden.
Übrigens: Wären alle Privatpatienten kassenversichert, würden dem Gesundheitssystem in Deutschland jedes Jahr mehr als 9,5 Milliarden Euro fehlen. So viel mehr geben privat Versicherte für Medikamente, für Behandlungen beim Arzt, beim Zahnarzt oder im Krankenhaus aus.



Schade, dass Dr. Baumgärtner das Vergütungssystem in der gesetzlichen Krankenversicherung noch nicht verstanden hat. Zugegeben, es ist ja durchaus kompliziert. Und seine Kollegen auf dem Land in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern oder in der Hocheifel werden fleißig weiterhin nach Privatpatienten in ihrer Region suchen…
Hallo Mahtti,
Ihre Aussage ist mir eigentlich etwas zu allgemein gehalten, würden Sie diese Aussage pärzisieren. Meiner Ansicht nach weiß Herr Dr. Baumgärtner schon wovon er spricht.
grüße manfred
Hallo Manfred,
Sie haben völlig recht – die Ausführungen von Dr. Baumgärtner treffen den Nagel auf den Kopf. Der Ausgangspunkt unseres Dialogs an anderer Stelle ist nämlich genau ein Fall, in dem ein Facharzt die Praxis aufgibt, weil er zu wenige Privatpatienten hat – und zwar nicht irgendwo auf dem Lande, sondern in einer Großstadt (nur leider im “falschen” Stadtteil. Und der Mann ist durchaus “geschäftstüchtig”. Aber der Tatbestand “2-Klassen-Medizin” wird auch weiterhin von interessierten Kreisen negiert werden.
Grüße
Wolfgang